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Vor ein paar Tagen hat mir eine Freundin eine „Notfall Clownsnase“ geschenkt. Zu einem Anlass, der wahrlich nicht zum Lächeln war. Trotzdem habe ich mich an dem Geschenk gefreut, die Nase in die Tasche gesteckt und mitgenommen. Daheim stand sie dann auf dem Schreibtisch, ein paar Tage lang. Eine Erinnerung. Aber der Nutzen? Was macht man mit sowas, wenn der erste Witz dahin ist?

„Nimm sie mit in die Trauergruppe“, hatte sie gesagt, als Scherz gemeint. Sie ist selber in dem Bereich aktiv, weiß um die angemessene und gebotene Vorsicht mit soetwas. Keine gute Idee, befand denn auch ich. Denn Trauer ist grausam. Sie macht das Leben grau und dunkel. Erstickt das Lachen, das Lächeln, die Freude. Ist kalt. Oft einsam. Liegt wie ein Klotz in Körper und Magen. Ist voller Schmerzen, von denen man nicht weiß, wie man sie ertragen soll ohne laut zu Schreien. Da gibt es nichts zu Lächeln, da sind die Tränen näher als ein Lichtblick, da liegt die Seele geschunden und blutig blank. Da kann ein nicht genau abgewogenes Wort schneiden wie ein Schwert, sich ein entspannend gemeinter, noch so leiser Scherz blitzschnell in eine tiefe Verletzung wandeln. Da ist Vorsicht von Nöten und genaues Überlegen, was man tut, was man wie sagt.

Vor ein paar Tagen dann eine Trauergruppe am Abend. Die Leute, die dort hin kommen, kennen sich. Es ist nicht mehr der erste Abend, man weiß um den Anderen, um sein Schicksal und um den erlittenen Verlust. Tränen fließen, mit spröder Stimme werden Erlebnisse und Geschichten um den so vermissten Menschen vorgetragen. Aber die Stimmung an diesem Abend ist anders als an den Abenden zuvor, nicht beschreibbar, aber sie ist anders. Es gibt beim Sprechen Blicke nach links und rechts, ein vorsichtiges, zustimmendes Nicken zu den erzählten Situationen, dann und wann ein Seitenblick und ein vorsichtiges Lächeln. Das war vorher nicht da. Und dann, irgendwann nach einer Bemerkung, läuft ein leises, vorsichtiges Lachen durch die Runde, das genauso schnell wieder erschreckt verschluckt wird. Große Augen. Haben wir gelacht? Wir? Aber zugleich ist es für alle, als habe sich der Raum in diesem kurzen Moment mit einem warmen, hellen Licht gefüllt, auf das alle irgendwie insgeheim gehofft hatten und das sich zugleich niemand vorzustellen wagte. Plötzlich ist die bis dahin nicht einmal denkbare Erkenntnis greifbar, dass es ein Leben mit dem Verlust, mit der Trauer geben könnte. Das da noch etwas Anderes ist. Etwas, was vielleicht sogar erstrebenswert ist. Der Anfang von einem „Danach“.

Ich habe die „Notfallnase“ dann, nach diesem Erleben und langem Hin und Her, doch in der Tasche verstaut die für Begleitungen und Besuche immer fertig gepackt im Flur steht. Nein, ich werde sie wohl nie benutzen, da traue ich mich dann doch nicht ran, die nötige Chuzpe fehlt mir. Aber, wenn ich in die Tasche schaue, dann steckt sie da in ihrem Behälter, zwischen einem Bronzeengel, einer Großpackung Papiertaschentücher, den Kerzen und anderem Dingen, die ich in solchen Fällen vorsichtshalber mit mir herum trage. Und, wenn ich sehe, muss ich Lächeln, einfach, weil ich die Idee einer steril verpackten „Notfallclownsnase“ in der Aufreißpackung als so abstrus und zugleich als so menschlich empfinde.

Und vielleicht – so mein Gedanke in seiner letzten Konsequenz – ist ja mein plötzliches Lächeln dann ein Lichtblick für mein begleitetes Gegenüber in seiner Trauer oder seinem Abschied. Wirkt ein klein wenig ansteckend. Wenn es das täte, dann hätte sie ihre Wirkung in einem echten Notfall entfaltet, wenn auch auf Umwegen. Ein Lachen in solchen Situationen geht selten, fast nie.

Aber ein noch so kleines Lächeln ist der Anfang vom langen Weg zurück durch die Trauer und aus der Dunkelheit.

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