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Manchmal schreibt man auch Geschichten für Andere. Einfach so, weil man bei ihnen Dinge sieht, die sie selber nicht sehen oder nicht sehen wollen. Und weil man denkt, dass sie das aber vielleicht endlich – verdammt noch mal – sehen sollten. So von wegen der besseren Selbstsicht. Oder einem besseren Leben.

Wobei das nicht so gemeint ist, dass sie sich als zu gut oder zu toll sehen. Klar, solche Menschen gibt es auch. Wir treffen sie überall: in der Politik, den Medien, im Freundeskreis. Die tollen Hechte, die nassforschen Alleskönner, die aalglatten Erfolgsmenschen. Die Nichts von dem, was sie tun, je hinterfragen. Die nicht reflektieren. Die von sich bedingungslos überzeugt sind. Die damit vielleicht sogar erfolgreich sind.

Aber es gibt eben auch die Anderen. Eine stille Mehrzahl. Jene, die stets glauben, dass sie nicht genügen. Die in sich und in dem, was sie tun, nur das Negative erkennen. Das Unvermögen. Die ihr – oft über Jahre angesammeltes – Wissen und Können selber nicht wertschätzen mögen. In allem, auch im Erfolg, den Keim des vorgeblichen Scheiterns erkennen. Die nur das sehen, was gerade schief gegangen ist – und mag es auch nur ein noch so kleiner Teil eines ansonsten strahlend gelungenen Ganzen sein. Weil nicht sein darf, was nicht sein kann. So hat man es ihnen beigebracht. Eingeredet. Eingebläut.

Es sind jene, die sich im Stillen, oft über lange Jahre, nichts mehr wünschen, als ihr Leben zu ändern und einen anderen Weg als den bisherigen einzuschlagen. Die sich aber zugleich nicht trauen, diesen unter die Füße zu nehmen, weil sie von Vornherein sicher sind, dass er Scheitern wird. Und eines Tages brechen sie dann doch auf. Nur ein kleiner, verschwindend kleiner Teil von den vielen. Jene mit dem meisten Mut. Oder der meisten Verzweiflung. Oder Beidem.

Und sie sind natürlich besonders anfällig, wenn sie sich, trotz all ihrer Zweifel, auf den Weg machen und sich dann nicht sofort der Erfolg einstellt. Sich nicht gleich die ersehnte Aufgabe, der ersehnte Mensch findet. Das große Ziel. Sondern sich noch mehr Weg zeigt, holperiger, schwer zu bewältigender. Staubig. Mit Verzweigungen, tausendfach. Die erst lernen müssen, jetzt alles alleine zu entscheiden. Verantwortlich. Verbindlich. Wolf zu werden, um des Überlebens Willen in einer Welt, die die Schwachen verachtet. Dann ist alles sofort wieder da. Die Selbstzweifel. Die Frage nach dem Sinn. Nach der Lebensaufgabe. Alles wird erneut hinterfragt, noch kritischer, noch negativer gesehen. Sinn- und Hoffnungslosigkeit macht sich breit, die Kräfte, sowieso schon fast völlig verbraucht für das erste Losgehen, schwinden. Dunkelheit und Kälte machen sich breit, in Herz und Seele.

Und dabei sind es nicht selten sie, die von Anderen still bewundert werden. Glühend sogar. Weil sie das tun, was sie tun. Weil sie es tun, wie sie es tun. Weil sie das Risiko auf sich nehmen das alles anders wird, aber eben nicht immer gleich besser. Weil sie Dinge anfassen, für die Andere sich nicht stark genug fühlen. Einen neuen Weg gehen, weil neue Wege eben beim Gehen entstehen, nicht beim Abwarten. Weil sie es wagen, trotz des Risikos in wirtschaftlicher und emotionaler Hinsicht.

Es ist der leise Gedanke von einem Ziel, der sie treibt. Oftmals noch verborgen unter dem Schutt gelebten und keineswegs immer gelungenen Lebens, irgendwo zwischen den Wrackteilen der ungezählten Schiffbrüche, die sie im Laufe des Zeiten miterlebt und hinter sich gebracht haben. Sie treibt der Gedanke, dass es doch noch eine Aufgabe geben könnte, eine sinnvolle Funktion, die all die über die Jahre erlernten Dinge und das viele, angeeignete Können umfasst. Die es erlaubt, das sich diese Dinge miteinander verbinden lassen um damit etwas zu bewegen, was an dieser Stelle vielleicht nur sie mit ihren Fähigkeiten können. Eine Aufgabe, die sie mit Zufriedenheit und der Wärme des Gelingens erfüllen könnte, eine Aufgabe, die sie endlich und nach vielen Jahren die Ernte all der Dinge im Leben einfahren ließe, für die sie gelernt und sich gemüht haben. Und die genügend groß, bedeutsam und ausfüllend genug ist um endlich, endlich vor sich selber bestehen zu können. Vor der eigenen, so gnadenlosen Kritik. Vor den Ansprüchen an sich selber. Vor der zutiefst verankerten Lieblosigkeit gegen das eigene ich. Eine Aufgabe, die sie durch das eigene Erkennen zu einem Segen für Andere werden ließe …

Das Himmelreich gehört denen, die sich den Arsch dafür abarbeiten. Originalton mein Sohn, vor Jahren, auf dem Weg zum ersten, eigenen Business. Hinfallen. Aufstehen. Krönchen geraderücken. Weitergehen. Und das Weitergehen ist so verdammt, verdammt schwer. Jeder kennst so einen Menschen. Plötzlich aufgebrochen aus seinem Leben. Unterwegs. Unverstanden oft, es war doch alles so gut bisher. Warum nur, warum?

Helft ihnen. Sagt ihnen, wenn ihr sie bewundert. Sie werden es mit einem Schulterzucken abtun und trotzdem, es tut insgeheim so gut. Es ist der innere Treibstoff, die so nötige Wärme, vielleicht die erste Anerkennung ihres Weges in einer konformistischen Welt voller Neid und Ablehnung, die nur zu gerne das Scheitern schaut um damit die eigene Mittelmäßigkeit zu kaschieren. Helft ihnen, wo immer ihr könnt. Mit einem guten Wort. Einem Lächeln. Einer haltenden Hand. Respekt. Es braucht so wenig und es hilft so viel. Glaubt an sie und sagt ihnen das.

Sie sind unglaublich mutig und einsam und auf dem Weg zu den Sternen.

Jeder zu seinem eigenen.