Schlagwörter

, , ,

Frühlingsanfang. Irgendwie passt es noch nicht so wirklich in die Landschaft. Klar, die Tage sind deutlich länger geworden, hier und da sprießen – an geschützten Stellen – Schneeglöckchen und Krokus. Ein echter Fan dieser ersten Frühlingsanzeichen war ich nie. Die Schneeglöckchen mögen ja noch gehen, aber die Krokusse mit ihren viel zu knackigen Farben stechen unpassend schrill aus einer sonst noch winterlich kargen Landschaft hervor. Assoziationen zu süßlich-kitschigen Karnickelbildern mit Schokoladenostereiern sind da irgendwie vorprogrammiert und die liebe ich nun wirklich nicht so besonders. Balkonkästen oder Beete mit mehrfarbigen Stiefmütterchen übrigens noch viel  weniger.

Und außerdem: Nein, es fühlt sich für mich noch überhaupt nicht frühlingshaft an, weder Äußer- noch Innerlich. Jedenfalls nicht so, wie man das von einem ordentlichen Frühling gemeinhin erwarten können sollte. So mit Schmetterlingen im Bauch, hier und da einer wärmenden Sonne auf dem grauen Pelz und einer gewissen, erwartungsfrohen Aufbruchsstimmung. Fehlanzeige. Aber vielleicht ist das ja auch mein Problem, diese Diskrepanz zwischen dem gemeinhin verbreiteten und dem eigenen, inneren Bild dieser Jahreszeit.

Gestern war ich an der Elbe. Oben, in Freiburg, im Vorfluterland, weit draußen am Außendeich. Es ging ein scharfer Nordostwind, beim Gucken über die Deichkrone waren Pudelmütze und warme Jacke angesagt. Über das Land zogen dicke, graue Wolken, hier und da aufgebrochen durch schmale, helle Spalten. Lichtstrahlen fingerten aus diesen Lücken und ließen leuchtende Inseln über das flache und nasse Land wandern. Die Knicks noch kahl, aber auf den Wiesen ein zarter, kaum zu ahnender, grüner Flaum. Ein paar einsame Schafe auf dem Deich, die Vorhut der großen Herde. Jede Menge Kiebitze, auf der Suche nach Revieren zum Balzen und Brüten, herumfliegende Seemöven noch großherzig tolerierend und nur vereinzelt – hier und da – auf Trab bringend. Der Lärm von zehntausenden von Nonnengänsen, die auf das Aufbruchssignal zum weiten Flug nach Novaja Semlja, ihrem Brutrevier im Norden, warten. In der Ferne, landeinwärts den Horizont unterbrechend, die Linie von Ring- und Winterdeich, irgendwo dahinter liegend, der Kirchturm als höchster Punkt der ansonsten platten Landschaft.

Und irgendwas ist noch in der Luft. Nein, kein warmer Hauch, nun wirklich nicht. Aber so ein Geruch, nach offener Erde und Meer, den es im Winter nicht gibt. Ein anderes, viel raueres Zeichen, dass sich etwas ändert. So eine Art „norddeutscher-freu-dich-nicht-zu-früh-Frühlingsansatz“. Ohne Blumen, ohne schrille Farbe und ohne Karnickel. Dafür mit echten Hasen, die gerade mächtig hintereinander her sind. Man kann sie beobachten. Wenn man will. Doch Frühling, halt. Meinen jedenfalls die Hasen.

Dann wird das wohl so sein …