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In ganz Dänemark, aber besonders im nördlichen Jütland, standen die Menschen an den Stränden der Nordsee, des Vesterhavet. Vom Horizont drang den ganzen Tag ununterbrochen das dumpfe Grollen des Geschützfeuers heran und kündete von Tod und Untergang. Rauch verdunkelte den Horizont, Blitze zuckten darin. Als die Nacht herankam, die späte Dunkelheit im nordischen Sommer, war auch der Wiederschein der brennenden Schiffe zu erkennen. Er erhellte die Wolken und das dunkelrote, matte Glühen erzeugte einen Hauch von Hölle, die sich irgendwo da Draußen aufgetan haben musste …

Hundert Jahre ist das heute her, mehr als ein Menschenleben. Die Deutschen hatten ihre nagelneue Hochseeflotte ausgeschickt um die Handelsschiffahrt an der nowegischen Südküste zu stören und um ihre neue Seemacht zu demonstrieren. Die Engländer hatten die Vorbereitungen dieser Aktion mitbekommen und ihre „Grand fleet“ in See gehen lassen um diesen maritimen Emporkömmlingen zu zeigen, wer denn die Meere beherrsche. Am Nachmittag des 31. Mai trafen die Flotten aufeinander und es kam augenblicklich zum Kampf, der sich bis in den nächsten Tag hineinzog. 250 Schiffe gingen aufeinander los, vom Torpedoboot bis zum Schlachtkreuzer. Es war eine der letzten großen Seeschlachten „Schiff gegen Schiff“, bei der auf Sicht auf den Gegner geschossen wurde. Die einen nannten es „Die Schlacht im Skagerak“, die anderen „Battle of Jutland“.

Es muss die Hölle gewesen sein, für alle. Die Abschüsse des Gegners am Horizont zu sehen und dann auf den Einschlag der alles vernichtenden Granaten zu warten. Unter Deck hatte man nicht einmal diese Vorwarnung, das Unheil kam aus dem Nichts. Tausend Kilo und mehr wogen diese Monster, die da durch die verqualmte Luft auf einen zu kamen, sie durchschlugen schwerste Panzerungen und wo sie explodierten war die völlige Vernichtung, die Hölle tat sich auf, das Nichts. Es muss ein dunkles, apokalyptisches Bild gewesen sein wie diese Monstren aus Stahl aufeinander losgingen, das ohrenbetäubende, ununterbrochene Brüllen der Geschütze und glühen und flackern des  Horizonts. Zwei Tage dauerte das Schlachten, mit Pausen. Dann geriet man in der Abenddämmerung auseinander, wohl mehr aus Versehen. Zurück blieb ein Meer voller Toter. 6.094 Männer ließen ihr Leben, 674 Verwundete kamen irgendwie gerade noch einmal davon. Schiffe mit tausend Mann und mehr an Bord hatten sich nach Treffern in die Munitionsbunker vor den Augen der Anderen einfach aufgelöst, waren ohne einen einzigen Überlebenden explodiert und in der See versunken. Stundenlanges Artilleriefeuer hatte die Nerven zerrüttet, die Angst hatte sich in dumpfe Ergebenheit aufgelöst, weil selbst sie irgendwann nicht mehr reichte. Niemand, der dabei gewesen war, kam so davon. Irgendetwas blieb für jeden, körperlich oder  in der Seele. Es war einer dieser Tage, die eine ganze Generation prägten und für die Beteiligten auf beiden Seiten „ihr Tag“ wurde. Ihr Tag, an dem sie gerade noch einmal davon kamen. Ihr Tag, als sie auf See blieben.

Die „Ernte der Schlacht“ fuhren in den nächsten Wochen und Monaten die einfachen Menschen der Westküste ein. Nach und nach spülte das Meer die wenigen Toten an, die es wieder hergab. Von Skagen bis hinunter über die deutsche Grenze gab die See einen Teil der verschlungenen  Körper langsam wieder ab, legte sie sanft an den Stränden und im Watt ab. Unbekannte, aus fremden Ländern, Menschen, die durch einen Zufall auf unterschiedliche Seiten geraten waren. Die – vielleicht – an ihre Sache geglaubt hatten, dafür in einen Krieg gezogen und jetzt zu Strandgut der Geschichte wurden.

„Known by good“ steht auf vielen Steinen, die noch heute auf den kleinen Friedhöfen der dänischen Westküste zu finden sind. Die Toten waren nicht zu identifizieren. Manche Steine sind beschriftet, dort fand man Papiere bei den Toten. Auch in Norwegen, auf den Orkneys und an der schwedischen Westküste spülte das Meer dieses zu Herzen gehende, menschliche Strandgut an. Und überall nahmen sich die Küstenbewohner, selber Seefahrer, ihrer an und trugen sie zu Grabe. Freund oder feind, wer will einen Unterschied machen. Known by good. Oftmals liegen die einstigen Gegner Seite an Seite auf den kleinen Gottesackern, ein friedliches Bild, so im Nachhinein.

Wenn ich dort stehe, dann denke oft darüber nach, was sie wohl aus heutiger Sicht zu ihrem Erleben sagen würden. Wenn sie wüssten, wie die Geschichte weiter ging. Wenn sie die Chance hätten, ihr neben ihnen ruhendes, damaliges „Gegenüber“, ihren Feind kennen zu lernen. Dieses Erstaunen, wenn sie in ihm den gleichen Menschen wie sich selber erkennen könnten. Abgefahrene Spinnerei, ich weiß, und doch …

Geschichte verpflichtet, man kann es nicht oft genug wiederholen. Nur, wer sie kennt, kann die Zukunft anders gestalten. Denken wir also an  jene, die in dieser Schlacht blieben. Da Draußen, auf See. An das, was war, an das was ihnen zugestoßen ist und an das, wases uns sagen kann.

Es schadet nicht.