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Das Teil stand auf einem Tisch mit Dingen zum Mitnehmen. Sowas haben wir da, wo ich jetzt arbeite. Als ich mehr zufällig über den Flur laufe höre ich jemand sagen: „Sowas soll hier nicht rumstehen, das hat einen Stromanschluss, schmeiß das mal lieber weg …“ und sehe im selben Moment aus dem Augenwinkel, wie ein seltsam geformtes Stück altcremefarbener Technik vom Tisch gezogen und unter dem Arm in Richtung Mülltonne bewegt wird.

Nun bin ich nicht nur meistens der weitverbreiteten „Wegwerf-und-Neukauf-Seuche“ abhold, altersbedingt im Farbton nachgedunkelter Technik im Schrabbellook, dazu noch mit einem dicken und meist wenig flexiblem Stromkabel versehen, zieht mich immer an. So auch hier, wo ich nach einem schon fast automatisch eingelegten Protest einen schweren Klotz elektrisch betriebener Mechanik in den Arm geworfen bekomme.

Verdammt, was ist das bloß? Ein Standfuß, ein ungewöhnlich dicker Elektromotor mit etwas, was wie ein Abgasrohr aussieht und unten dran ein kleiner Auffangebehälter, aus dem eine bräunliche Substanz rieselt. Das Ganze versehen mit dem schon beschriebenen, älteren Kabel und einem dicken Kippschalter, wie man sie sonst eher aus dem Cockpit alter Flugmaschinen kennt. Hm, hm, ein paarmal ungläubigen Drehens und um die dämmernde Erkenntnis reicher, dass es sich um eine Kaffeemühle handeln mag, landet das Teil zur späteren Begutachtung im Kofferraum meines Wagens.

Daheim ist vorsichtiges Reinigen angesagt, Innen wie Außen. Alter Kaffee und ebensolches Fett werden entfernt, Läger gängig gemacht und mit einem Tropfen Öl versehen. Das Kabel durchgemessen, Schrauben nachgezogen. Das angegammelte Äußere vorsichtig poliert, man will den Look ja nicht schädigen. Typschild und Internet verraten ausgefeilte Technik aus den 50érn des letzten Jahrhunderts. Vor mir steht offensichtlich der kleine Bruder der großen Kaffeemühlen, die in den Fachgeschäften jener Zeit ihren Dienst leisteten. Versehen mit einem massiven Einstellrad aus Stahl zur Regulation des Mahlgrades handelt es sich um ein feines Stück völlig überdimensionierter Profitechnik für zu Hause. Das gabs damals schon. Jeder Depp, der sich heute eine Tausend-€uro-Kitchen-Aid zum gelegentlichen Sahneschlagen in die Küche stellt, weiß, wovon ich rede. Eine Potenzverlängerung für die Arbeitsfläche, sozusagen. Ein „nice-to-have“. Völlig überdimensioniert und mit unanständig  viel Bums im Motor. Fehlt nur noch der Fuchsschwanz …

Der große Moment mit bangem Blick auf den Sicherungskasten. Ein langsam ansteigender Ton begleitet das Erwachen der Technik, ein leichtes Beben wird spürbar. Wer schon einmal neben einer hochlaufenden Turbine gestanden hat, kennt diesen Ton, der sich am Ende in einem hochfrequenten Heulen stabilisiert. Auf einer hölzernen Arbeitsfläche erzeugt das Ding bereits jetzt – im Leerlauf – eine hübsche Geräuschkulisse. Die Nachbarschaft wird dezent der Dinge vorgewarnt, die da noch kommen werden. Das Befüllen des kleinen Vorratsbehälters mit Kaffeebohnen erweist sich als einfach, die dann unmittelbar losbrechende Geräuschkulisse als schwer erträglich. Die kleine Maschine bebt, der Elektromotor dreht unter Volllast und bricht in der Drehzahl leicht ein, die Deckenlampe in der Küche wird ob der abgezogenen Ströme leicht dunkler. Das Mahlwerk knackert und röhrt wie bei einer Schrottpresse, die gerade einen Golf III zerledert. Nur das satte Eigengewicht von mehr als zwei  Kilogramm und die Rotationsstabilität halten die kleine, wacker vor sich hinschuftende, Maschine relativ bewegungslos auf ihrem Standplatz.

Nach drei Minuten Ackerei sinkt der Lärmpegel bei steigender Drehzahl, ein untrügliches Zeichen geleisteter Arbeit und eines leeren Vorratsbehälters. Das satte „Klack“ des seitlich angebrachten Kippschalters unterbricht die Energiezufuhr und eine lange halbe Minute Nachlaufzeit beginnt, in der der Ton des rotierenden Motors nach und nach dunkler und leiser wird. Ein sanftes, kaum hörbares Quietschen in einem der durchlaufenden Drehzahlbereiche zeugt von einem beginnen Lagerschaden. Dann herrscht Ruhe. Es ist vollbracht.

Eine gewaltige Leistung an Maschine und Energie für 30 Gramm, allerdings hervorragend gemahlenen, Kaffees, was der sofort durchgeführte erste Brühversuch wohlduftend und -schmeckend bestätigt. Das Teil nimmt reichlich Platz auf der Arbeitsplatte weg und frisst zweifellos ungezügelt jede Menge Strom, aber ich habe es in seiner kompromisslos altertümlichen und angeschrammten Art bereits in mein Herz geschlossen. Es findet seinen Platz. Es passt zu meiner meditativen Art des Kaffeebrühens mit Uromas Porzellanfilter, dem Wasserkessel auf offener Gasflamme und dem allmorgendlichen, erwartungsvollen Frieren in der dunklen, kalten Küche Angesichts des langsam durch den Filter sickernden, ersten Kaffees des Tages …

What a marvellous piece of German workmanship. Und was´n Glück, daß ich es habe ergattern können, so knapp vor dem Schrott! Und hoffentlich drehe ich noch so rund, wenn ich dasselbe Alter erreicht habe …

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