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Irgendwo in Raum und Zeit liegt in einem Nebenarm eines weit verschlungenen Flusses ein altes Schiff. Schon lange ist es nicht mehr zu neuen Zielen und Ufern ausgelaufen, sein Rumpf ist über die Jahre halb im Schlick einer wachsenden Sandbank versunken, seine nutzlos herunterhängende Ankerkette besteht aus Gewöhnung. Wind und Wetter haben an ihm genagt, vieles ist über die Zeit glanzlos und stumpf geworden. Es hat viele Jahre hier verbracht, von neuen Meeren und weiten Reisen träumend und doch festliegend. Warum auch immer.

Doch jetzt ändert sich etwas. Die Luft ist anders geworden, frischer und schärfer nach einem schweren Gewittersturm. Die Strömung um das Schiff hat sich nach und nach verändert. Vieles sprach dafür, dass ein Bleiben an diesem Liegeplatz auf Dauer keine Möglichkeiten mehr bot. Freunde haben geholfen, das Deck und die Gedanken aufzuklaren, haben Maste, Segel und Schoten in Ordnung gebracht. Haben marode Planken ersetzt, abgeblätterter Hoffnung neuen Glanz gegeben. Haben Seekarten herbeigeschleppt und Ideen. Haben mit Fingern auf denkbare Ziele gedeutet und von den Kursen gesprochen, die dorthin führen. Haben Sturmhäfen angeboten. Alles wurde in langen Nächten nachgerechnet und abgesetzt, auf die alte, langsame Art mit Parallellinieal und dem abegriffenen, bronzenem Stechzirkel, einem Überbleibsel aus einer anderen Zeit, der noch immer so gut in der Hand liegt. Solche späten Entscheidungen wollen gründlich durchdacht sein. Beim Licht der Sturmlaterne diskutiert. Mit den wenigen Vertrauten. Den unverbrüchlich Loyalen. Jenen, denen nicht nur dafür im Herzen auf alle Ewigkeit ein Denkmal errichtet ist. Alles immer wieder verworfen, immer wieder neu berechnet, unter Zuhilfenahme von Sternen und „Fulst Nautischen Tafeln“, von Wetter- und Strömungsatlanten, von guten und nicht so guten Erfahrungen und geleitet vom Wichtigsten überhaupt – von Hoffnung auf etwas Neues.

Das Wasser strömt und gurgelt. Der alte Rumpf, der solange im Schlick gelegen hat, knarrt und stöhnt. Ein Beben läuft durch ihn, er befreit sich langsam und schwimmt auf, kommt Stück für Stück frei von seiner Sandbank. Zug kommt auf die rostige Ankerkette. Das Wasser steigt weiter, die Strömung zerrt, es knackt und knistert, er erwacht zu neuem Leben. Ein Rucken ist zu spüren, bald wird er ganz aufschwimmen.

Dann ist es soweit. Das Schiff ist frei, es schwimmt, der Anker steht „auf und nieder“. Nichts hält es mehr, rückwärts treibt es mit dem ablaufenden Strom, das Ruder ist hart gelegt. Eine Wendung mit dem Strom ist eines der schwierigsten Manöver überhaupt, Seeleute wissen das. Eine kitzelige Sache, das mitfließende Wasser erzeugt keinen Andruck, das Ruder zeigt noch keine Wirkung, Manöverieren ist unmöglich. Völliges Ausgeliefertsein. Es braucht Ruhe und innere Stärke, um diese Momente auszuhalten. Gottvertrauen. Verdammt zur Untätigkeit wartet man darauf, dass sich das Schiff mit der Strömung wendet und zum Leben erwacht.

Schließlich driftet es herum, der Wind greift halb von Achtern in die schlaff hängenden Segel und mit einem leisen „Ploff“ füllt sich das Leinen. Die Schoten kommen steif, die Blöcke knarren. Eine leichte Lage macht sich bemerkbar. Es ist dieses besondere Gefühl, wenn das Tuch unter Spannung kommt und am Rumpf das leises Gurgeln von vorbeiströmendem Wasser entsteht. Achtern verziert nun eine dünne Blasenspur das Heckwasser. Der Steuermann spürt den Druck auf dem Ruder, sein Schiff reagiert auf sein Tun. Es ist ein magischer Moment, der Beginn einer neuen Reise.

Zwei volle Gläser Rum, Achtern über die Kante, Rasmus, alter Freund, die Bitte um einen guten Reisewind. Denn unser Schiff ist klein und vor uns liegt ein weites Meer. Nicht berechenbar, aber voller Chancen. Mit Zielen, unglaublich an Zahl und Möglichkeiten. Mit den langen Kursen. Fremden Küsten, anderen Menschen, Hoffnung auf Glück. Letztlich ist das gut so. Denn ein Schiff ist für die See gemacht, nicht für Hafen oder die Reede. Nur dort Draußen findet sich Neues.

Schauen wir also.