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Einsame schwedische Seen sind Scheisse. Manchmal jedenfalls. Dann, wenn man am Ufer sitzt und Zeit hat. Zum ins Wasser gucken. Oder in den Sonnenuntergang. Oder in den Regen. 

Wie auch immer. Das sitzen am Ufer und die in Schweden relativ weit verbreitete Ruhe lassen die Gedanken auf Wanderschaft gehen. Nichts stört, nichts lenkt ab. Keine Menschenseele weit und breit, selbst der Kommunikator ist tot, der letzte Empfangsbalken hat sich schon vor Kilometern verabschiedet. Man ist auf sich selber zurückgeworfen. Ein eher seltener, archaisch anmutender Zustand in heutigen Zeiten. No Pokemon at all.

Ich mag dieses Land. Reise hier schon lange her, seit meinen Kindertagen. Habe eine Mutter, die, hätte das Schicksal ein klein wenig anders gewedelt, fast selber Schwedin geworden wäre. Nannte eine Frau aus diesem Land „Tante“, hatte viele und habe noch immer einige Kontakte hierher. Interessiere mich für Land und Leute, weit jenseits der üblichen Touristeneuphorie, habe auch die Dinge gesehen, die in meinen Vergleichen zu meinem Heimatland nicht so gut abschneiden. Oder so anders sind, dass ich sie nicht mag. Was fast dasselbe ist. Will sagen, ich glaube einen recht realistischen Blick gepflegt zu haben, so über die Jahre.

Was mir so sehr an diesem Land gefällt ist der Raum. Die Weite. Die relativ wenigen Menschen. Die Möglichkeit, zwischen sich und den Nachbarn erfreulich viel Platz zu bringen. Eine bei den Menschen tief verankerte, pragmatische Einfachheit.Meistens jedenfalls. Es gibt Platz in diesem Land, viel Natur. Von der eher etwas rauen Art. Das hat mich schon immer gekitzelt, das war auch der Antrieb für viele Reisen und noch mehr Träume. Aber wie das so ist, Träume sind das eine, der Mut, sie zu verwirklichen, das Andere. Ich zögerte. Wollte schon, dass es anders wird, scheute vor dem Risiko, das es „zu anders“ anders würde. Scheute viel zu lange. Verpasste die Möglichkeit. 

Dann, vor einiger Zeit kam es dann aber doch zur Entscheidung. Oder, sagen wir mal, sie wurde plötzlich denkbar. Als Eine von mehreren Optionen. Warum das so war, ist eine andere Geschichte, aber die Chance stand plötzlich im Raum. Eine neue Aufgabe stand an, ein wenig finanzielle Ausstattung ließ sich errechnen. Die Hilfe eines Freundes im fernen Norden vor Ort war versprochen und sicher. Die Idee, relativ spät im Leben nocheinmal etwas ganz Neues an andrer Stelle und in einer mir fremden Sprache anzufange, nahm in meinem Kopf konkret Gestalt an. Die Frage des “ traust du dich“ lag auf dem Tisch. Auch die Frage, wie realistisch die Idee wohl währe.

Es wurde nichts. Die Gesundheit kippte, quasie über Nacht. Ich hatte die Vorzeichen nicht wahrhaben wollen. Jetzt bekam ich die Quittung in Form schlimmer Schmerzen, noch schlimmerer Medikamente und einer düsteren Prognose, was möglicherweise die Zukunft meiner allgemeinen Beweglichkeit anging. Keine Voraussetzungen also, ein solches Abenteuer einzugehen. Keine Voraussetzungen für den Start in ein neues Leben. Es wurde also die „kleine Lösung“. Eine andere Option aus der zur Verfügung stehenden Sammlung. Eine gute, wie ich inzwischen weiß, mit vielen Chancen und Möglichkeiten, die ich bisher so nicht gehabt habe. Ich bin damit wirklich zufrieden. Aber es wurde nicht Schweden.

Und so bleiben Fragen. Und sie bohren. Was wäre gewesen? Hätte ich mich für den Weg nach Norden entschieden? Hätte ich den Mut gehabt? Und, wenn ja, hätte ich es geschafft, mich in Sprache und Gesellschaft einzufügen? Nicht als Besucher, auf Dauer? Hätte ich dort Fuss gefasst, hätte ich ein Zuhause gefunden? Letztlich: wäre ich mit diesem Weg glücklich geworden? Darüber grübele ich viel nach. Ich hätte gerne eine Antwort gehabt. Auf die Frage mit dem Mut. Auch die mit dem Glück, natürlich besonders. Auch, einen Schritt weiter, wie das Leben dort wohl konkret so geworden wäre … wenn es denn geworden wäre.

Ich werde es nun nie erfahren. Die letzte Chance ist dahin, ich habe zu lange gewartet. Das deprimiert mich. Besonders, wenn ich dabei an einem See in Schweden sitze. Was, ich schrieb es, eigentlich eine feine Sache ist und ich eigentlich ganz froh sein sollte, dass ich wenigstens das kann. Trotzdem. Es tut mir im Moment eben nicht nur gut. Kopfkino ist so eine Sache, wenn man den Ausschalter nicht finden kann.

Klar werde ich wiederkommen und mich auch wieder an einen schwedischen See setzen. Dafür mag ich die Dinger und das Drumherum viel zu sehr. Aber in diesem Jahr wohl nicht mehr, das ist nun klar. Das wäre einfach falsch, nicht gut. Erst müssen Dinge geklärt sein. Meine Welt und mein Leben ein bisschen anders sortiert und aufgestellt werden. Dann.

Als Besucher. Wie bisher. 

Das ist wunderschön und schade zugleich.