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Aufräumen, die Bücherregale leer machen. Nicht freiwillig der Ordnung halber, nein, ein Ortswechsel steht an. Da sind viele Meter Buch zu Räumen und zu Sichten. Was mitkommt, wandert in stabile Bananenkartons. Sie haben die rechte Größe um auch gefüllt noch gehoben werden zu können. Vieles bleibt und geht zum Büchermarkt, zum ersten Mal in meinem Leben. Ich sortiere aus und es fällt mir schwer. Trotzdem, es muss sein. Ich reduziere auf das, von dem ich glaube, daß ich es wirklich noch einmal in die Hand nehme in meinem Leben. Und das ist immer noch mehr als genug.

Dabei fallen mir immer wieder Bücher und Sachen in die Hände, an denen Erinnerungen hängen. Dinge, bei denen die Gedanken auf Wanderschaft gehen. Ein Buch, ich bekam es von meinen Eltern zu unserem ersten gemeinsamen Dänemarkurlaub an einem besonderen Ort, meinem späteren, gefühlten Zuhause. 1971 muss das gewesen sein. Lang ist es her. Ich habe dort in meinem kleinen Zelt gelegen, es regnete tagelang, der Sturm schüttelte die Leinwand. Und ich lag auf, oder halb in, meinem Schlafsack und habe geschmökert. Gibt und gab es je etwas Besseres?

Als Nächstes ein Notizzettel, vorne in einem Buch, von 1998. Wünsche an meinen Ältesten der auf eine Reise ging. Eine versteckte Liebeserklärung an das Kind, zugleich durchsetzt mit der leisen Sorge eines Vaters der ihn ziehen lassen muss. Natürlich nicht zu deutlich formuliert, das schätzen Dreizehnjährige nicht so wirklich – peinlich, die Alten, aber sowas von.

Romane finden sich nur wenige, dafür dann aber die dickeren Teile, so ab 600 Seiten aufwärts. Sie hatten ihre Zeit, ich habe sie gefressen, ich erinnere mich. Zwei Tage manchmal und die Sache war durch, Kopfschmerzen und Ringe unter den Augen inclusive. Michner und Johann, hauptsächlich. Aber letztlich war das nie wirklich meine Richtung. Geschichten erfinden konnte ich schon immer selber, dazu brauchte ich keine Anderen. Dafür aber Reiseliteratur, reichlich, ich wusste gar nicht, was ich alles habe. „Durch Nacht und Eis“ von Nansen, die deutsche Zweitauflage von 1902, ehrfürchtig halte ich sie in der Hand und staune. Erinnere, sie irgendwann mal gelesen zu haben. Freue mich, so etwas zu haben. Beschreibungen von Reisen rund um die Welt, viel Norden, Skandinavien und Kanada. Seefahrt, Inseln, die großen und kleinen Entdecker. Viel Altes, irgendwo zusammengetragen. Lebensberichte von Menschen am Ende der Welt, in besonderen Situationen, mit einem Traum und der Traute, ihn umzusetzen.

Und Jugendbücher. Ich war wohl eines der wenigen Kinder, das zeitgleich mit dem „Lesen lernen“ in der Grundschule durch seine Eltern Mitglied in einem Buchclub wurde. „Domino-Buch“ nannte sich das und ich bekam alle Vierteljahr ein Kinder- oder Jugendbuch zugeschickt, das ein Team von Pädagogen und Büchermenschen für altergerecht und für mich förderlich hielt. Eine tolle Sache. Ich habe sie alle verschlungen und besitze auch heute noch einen guten Teil davon. Viele Jahre später habe ich versucht den Verlag wieder aufzutreiben, um das auch meinen Söhnen zugänglich zu machen, aber es gab sie wohl nicht mehr. Schade, ich glaube, sie hatten erheblichen Einfluss auf meine Haltung zu Büchern und damit auf meine Weltsicht – abgesehen mal davon, dass ich als Sohn einer Buchhändlerin und eines Büchernarren in Punkto Bücherbesitz sowieso erheblich erblich vorbelastet war.

Und diese Jugendbücher waren es auch heute Morgen, die mich beim Räumen zum Nachdenken gebracht haben. Zwei davon habe ich zur Seite gelegt, ich will sie noch einmal lesen. Das ist bei jugendgerechter Sprache und Aufmachung für einen Erwachsenen die Sache eines Abends, keine Frage. Trotzdem bin ich gespannt, was dort stehen wird, auch, wenn ich es in etwa zu erinnern meine. Es waren die die Titel und die Coverbilder, die mich angefasst haben, denke ich. Denn sie sind, nach so vielen Jahren, noch immer so ungeheuer aktuell. In einem negativen Sinn. „Auge um Auge“ und „Völker unterwegs“ klingt nicht nett. Und tatsächlich geht es um Krieg und Tod, um Flucht und Vertreibung, um Leid und Elend. Beide Bücher sind fast 50 Jahre alt und nichts scheint sich geändert zu haben. Zeitlose Themen in einer Welt, die sich menschlich wohl nicht weiterentwickelt hat.

Ich fürchte, der Inhalt wird nur allzu vertraut klingen.