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Bahnfahren. Nicht unbedingt so mein Traumding. Aber ich will heute Morgen in die grosse Stadt am Strom und von dort ein Auto mit zurück nehmen. Was also bleibt mir übrig?

Der Tag beginnt durchwachsen. Ich hätte gerne ausgeschlafen, quäle mich aber an einem Samstag frühzeitig hoch. Die Kaffeemühle versagt maulend ihren Dienst, also dengele ich die Bohnen in einem Handtuch mit dem Nudelholz platt. Das geht so „lala“, immerhin, es gibt Kaffee.

Es ist frisch Draussen, die Luft ist klar und deutlich kälter als gestern Abend. Jedenfalls bleibt sie das, bis ich den Bahnhof betrete. Die Eingangshalle ist leer, eine Neonröhre flackert. Der Boden dreckig, in der Luft hängt eine intensive Mischung aus Zigarrettenqualm und Pisse. Unter einem Nichtraucherschild eine Sammlung von Kippen, auf der einbetonnierten Stahlbank in verblichenknalliger Achtzigerjahrefarbe eine umgekippte Bierflasche mit entsprechender Lache darunter. Eine hochsitzende Kamera blickt starr und offensichtlich folgenlos auf die trostlose Szene.

Ein Fahrkartenautomat. Immerhin. Der sinnlose Hinweis auf einen Aushang mit Tarifzonen, den es nicht gibt. Mühsam hangele ich mich durch das elektronische Angebot und entscheide mich letztlich mangels besserer Information für das teuerste. Damit kann mir nichts passieren, auch, wenn ich es ärgerlich finde. Bein Zahlen mit der extra beworbenen RFID-Technik dauert der Vorgang verdächtig lange. „Ihre Karte wurde nicht akzeptiert“, der Automat bricht den Vorgang komplett ab. Das Startmenue erscheint, mein Blutdruck steigt. Neuer Anlauf, diesmal kommt die Karte in den Schlitz, hoffnungsfroh starre ich auf das Tastaturfeld. Dasselbe unerfreuliche Ergebnis. Ich lasse zwei wartende Damen vor um meinem Blutdruck Zeit zum Regulieren zu geben. Kurz darauf höre ich sie heftig fluchen. Es tut gut, nicht alleine den Deppen zu geben, ich kann wieder lächeln, wenn auch nur dünn.

Ich nutze die Pause zur Suche nach einer Toilette, aus Erfahrung wohl wissend, das das bei Bahnens kein Happening der Hygiene werden wird. Aber diese Sorgen hätte ich mir, mangels eines solchen Etablissements, garnicht machen müssen. Kurzzeitig erwäge ich, als Akt primitiver Rache, den bösartigen  Automaten für dieses Bedürfnis zu missbrauchen, unterlasse es dann aber aus Angst vor einem möglichen Stromschlag und der Strafe bei Erregung öffentlichen Ärgernisses. Ein Ausflug in die sichtlich gut gedüngte und übelriechende Umgebung erledigt das Problem, mich würde aber interessieren, wie die ja auch anwesende Damenwelt damit umgehen mag? Aussitzen, nehme ich an.

Weiter. Der Erwerb der Fahrkarte steht noch aus. Der erneute Anlauf endet beim Füttern der Maschine mit einem Zwanziger. Reinschieben, rausfahren, reinschieben, rausfahren … nach dem fünften Mal bricht das Höllengerät den Vorgang ab und springt – na was wohl – in den Startmodus. Leiser Rauch entweicht meinen Ohren. Ich durchforste Taschen und Rucksack nach Kleingeld tippe mit mittlerweile geübtem Finger blitzeschnelle meinen Wunsch in die Tastatur und befülle die Mistsäule dann mit einem gefühlten Kilo Hartgeld. Und, frohlocket, es funktioniert. Aus einer Öffnung im trüben Bahnhofshimmel fällt ein heller Lichtstrahl auf den Automaten, eine donnernder Chor jingelt ein „Halleluja“ und unter dem melodischen Geklapper unerklärlichen Wechselgeldes sinkt eine Fahrkarte hinab in die Entnahmeschale … Die Mächte der (elektronischen) Finsternis haben verloren, die Macht ist jetzt eindeutig mit mir!

Der Rest ist kurz erzählt. Ein dreckiger Zug, ein stinkend besoffener Mitfahrer, der rumröhrt und alle anbettelt. Ein Ansageband, das laut der gemeldeten Ortschaften in die andere Richtung wie der Zug fährt. Ein Zugführer, der in den Wagon stolpert und einen dort zufällig stehenden Fahrgast anmufft, er solle gefälligst die Tür schliessen, „sonst mault ihr nachher wieder“. Es ist eng, es ist stickig und die Heizung läuft – nicht abschaltbar – volle Kanne. Immerhin, ich komme nach Hamburg.

Ich liebe Autos. Aber sowas von!