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Heute Nachmittag habe ich nun endlich etwas unternommen, was ich schon vorhatte, seit mich im vergangenen Herbst der Zufall ( oder was auch immer sonst ) wieder hierher geführt hat.

Einen Gang durch den Ortsteil, in dem ich vor ziemlich genau 50 Jahren schon einmal gelebt habe. Menschen kannte. Familie hatte. Eingeschult wurde. Zu den alten Orten. Es waren seltsame drei Stunden, ein beeindruckendes Erlebnis. Alles war doch immer noch sehr vertraut und zugleich natürlich anders. Fünfzig Jahre hinterlassen Spuren, keine Frage. Andererseits: so Dolle waren die gar nicht.

Hier ein Schild mehr, dort ein Kreisel anstatt der alten Kreuzung. Aus einem Mineralölwerk wurde eine Luxusimmobilie, die Straße am Park verläuft jetzt anders. Das Kriegerdenkmal und der gefledderte Rhododendron sind noch da, eine einprägsame Baumgruppe auch. Das Geländer aus Schmiedeisen an der Treppe dorthin war damals schöner, jetzt ist´s aus verzinktem Rohr. Das alte Kino ist weg, ja, ok, da steht jetzt eine Einrichtung der Lebenshilfe. Ein paar Bäume haben sie hier und da gefällt, dafür reichlich neue gepflanzt. Das Haus, unsere damalige Wohnung. Sie wird gerade saniert, irgendwer ist fleißig dabei, ich kann es durch die Fenster sehen. Von Außen jedoch kein Unterschied. Ich laufe die kurze Strecke zu meiner ehemaligen Schule und dann weiter zur der alten Klavierfabrik, schon damals lange ein Wohnhaus. Hier lebte meine Urgroßmutter. Das Haus wird dauersaniert, hat einen Putz und neue Fenster bekommen. Die Wohnungsunterteilung scheint gleich geblieben. Die alten Keller im Hof sind verschwunden. Das gemauerte Geländer zum Vorgarten auch. Einen stehen gebliebenen, einsamen Pfeiler davon finde ich noch. Aber mehr? Hat sich wirklich was verändert?

Es ist seltsam hier zu sein. Bleibe ich einen Moment stehen, kann ich die Straße und die Häuser ohne große Mühe wieder so sehen, wie sie waren. Sie vor meinem geistigen Auge mit Fahrzeugen und Menschen füllen, die ich hier erlebt habe. Das sind merkwürdige Gedanken; erst vor ein paar Tagen habe ich über diese Straße, diese Gegend und die alte Klavierfabrik im Speziellen mit meinem Vater gesprochen. Er hat zeitweise hier bei seiner Großmutter gelebt. Für ihn sind dieselben Orte mit noch anderen Erlebnissen, noch eine Generation davor erfüllt.

Das Beste kommt immer zum Schluss. So sagt man. Auch bei Erinnerungen.Und auch bei diesem Spaziergang. Etwas fassungslos stehe ich auf dem Schulhof vor den Turn- und Klettergerüsten. Die gab es schon, als ich hier herumlief. Besonders das hohe Kletterdingens blieb mir in Erinnerung. In der großen Pause hatte ich mich dereinst dort Oben positioniert und mit der ganzen Ernsthaftigkeit eines Erstklässlers versucht, einem der doofen Mädchen auf den Kopf zu spucken. Nach mehreren Anläufen gelang mir das auch mit erstaunlichem Erfolg und – eigentlich erwartungsgemäß – rannte die blöde Heulsuse natürlich sofort zu unserer Lehrerin. Zum Petzen. So sind sie halt, die Mädchen. Na ja. Das salomonische Urteil meiner überaus raumgreifenden Klassenlehrerin war dahingehend, dass mir die kleine Schnecke vor versammelter Klasse ebenfalls auf den Kopf spucken durfte. Ich fand das sehr ekelig, trug es aber heldenhaft und wie ein Mann. Jedenfalls solange, bis ich einen Lappen erreichte.

Jetzt, ein halbes Jahrhundert später, vor dem Gerät zu stehen und daran zu denken ist irgendwie seltsam und zugleich schön. Den Namen oder das Gesicht meiner Kontrahentin bekomme ich nicht mehr hin. Die Situation als Ganzes schon. Irgendwie ist es gut, solche Wurzeln zu haben, Erinnerungen und eigene Geschichte. Finde ich. Mir gibt das was, die Orte und die Menschen, die da dran hängen. Ich werde mal sehen, ob sich daraus nicht noch ein wenig mehr machen lässt …

Bei der jungen Dame von Damals hoffe ich nun, von der Erinnerung leicht rachsüchtig gestimmt, dass ihr irgendwer im Leben nocheinmal ordentlich auf den Kopf gespuckt hat. Verdient hätte sie es.

Die olle Petze!

Campe 2017-8699

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