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DAS ist jetzt so eine Geschichte, die einem keiner glauben wird. Einfach deshalb, weil das Leben sie schrieb. Oder die Nachbarn. Was in diesem speziellen Fall wohl fast Dasselbe sein dürfte …

Wer mich in den sozialen Netzwerken dieser Welt trifft, wird gemerkt haben, daß ich nach meinem – an sich vom Resultat her sehr schönen – Umzug nach Stade ein leichtes Problem mit meinen Nachbarn entwickelt habe. Nein, nicht mit allen, wie vielleicht bösartig veranlagte Menschen jetzt glauben würden. Denn, wie wohlbekannt ist, bin ich ein zutiefst friedliebender Mensch. Meistens jedenfalls. Insgesamt ist es hier im Haus eine Nachbarschaft, wie sie mir zusagt: bei den wenigen Begegnungen zurückhaltend  freundlich, leise & geruchlos, sozialer Interaktion nur begrenzt zugänglich und meistens sowieso nicht da oder wenigstens nicht zu sehen. Soweit, so gut.

Auch das Pärchen in der Wohnung über mir würde eigentlich in diese Kategorie fallen, wäre da nicht dieser ausgeprägte Tick zum anhaltenden Staubsaugen. „Anhaltend“ bedeutet in der Woche an jedem Tag, den der Herr werden lässt, zwei Stunden und das zu Zeiten, zu denen ich dann – dummerweise – nach des langen Tages Mühen und Plagen auch wieder zu Hause weile. Jedoch, Gemach, dies ist nur die Vorarbeit für das „Putzfestival des Wahnsinns“ am Samstag jeder Woche, dann läuft der Sauger über mir geschlagene vier Stunden und länger. Untermalt wird dies dann vom Gepolter der hin- und hergeschobenen Möbel, denn man muss ja auch in die Ecken kommen, der pöse, pöse Staub ist halt überall. Dazu muss man wissen, dass unsere Wohnungen von Schnitt und Größe gleich sind: zwei Zimmer, Küche und Bad, alles auf  lauschigen 54 Quadratmetern komprimiert. Und bevor jetzt einer ob dieser vorgeblichen Lügengeschichte leise lächelnd den Kopf schüttelt: ich habe Zeugen, unabhängige, die dieses Geschehen glaubhaft versichern können und staunend auf meinem Sofa dem Gedröhne über uns lauschten …

Nun denn. Sagte ich schon,da ss ich ein zutiefst friedliebender Mensch bin? Ah ja. Also, bringen wir die Geschichte zu Ende. Morgen Früh starte ich in die jährliche Jugendfreizeit, direkt aus einem heutigen langen und eher unerfreulichen Arbeitstag. Sprich, seit Mittag packe ich, suche Sachen, mache die Wohnung soweit zugänglich, dass in meiner Abwesenheit liebe Menschen beim geplanten Betreten keinen Schock bekommen. Als alles vollbracht war, die letzte der Reisetaschen, Verbandskisten und sonstigem Gedöns im Auto verstaut, fiel mein Auge auf den nicht ganz koscher wirkenden Fussboden. Der schnelle Griff hinter den Schrank brachte meinen eher selten genutzten Staubsauger zum Vorschein, drei Minuten Gedröhne und Herumgeschiebe des Gerätes unter Auslassung der dunklen Ecken (da sieht man eh nix) brachten ein durchaus annehmbares Ergebnis, jedenfalls für meine Ansprüche. Außerdem musste ich sowieso aufhören, denn es klingelte an der Tür.

Als ich Diese neugierig öffnete stand vor mir mein Nachbar von Oben. Der Mann zu der besagten, wilden Staubsaugerpilotin. Ein durchgeknallter Zausel undefinierbaren Alters, das wenige Haar zur wilden Tolle gewickelt, in fleckigem T-Shirt und Plastiklatschen unter ausgebeulter Jogginghose. Mit knallrotem Gesicht. Ein leiser Alkoholduft wehte zu mir herüber. Die ungewohnte Nähe zu ihm ließ mich sofort den in den Augen flackernden Wahnsinn erkennen, etwas, was mir auf Entfernung verborgen geblieben war. Also machte ich flugs einen Schritt zurück in meinen Flur und nahm eine leicht gebückte, zutiefst friedfertige Verteidigungshaltung ein. Mein freundlich-lauerndes „Na, was gibts denn so?“ ließ seinen Blutdruck offensichtlich weiter steigen, zumindest meinte ich, dass an der dunkler werdenden Gesichtsfarbe zu erkennen. Dann brüllte er ohne weiteres Vorspiel los: „IndiesemHauswohnenMenschendiewollenauchmalihreRuhehabenduArschlochhörsofort aufzuSaugenundKrachzumachensonstsetzteswas!“ Dann musste er Luft holen. Seine Gesichtsfarbe hatte, offensichtlich auf Grund des Sauerstoffmangels, eine beunruhigende, blaurote Färbung angenommen. Deeskalation war das Gebot der Minute. Ich äußerte also ein lächelndes „Verschwinde“, drehte mich um und versuchte, die Tür zu schließen.

Dem kam er zuvor, in dem er einen Fuß in Dieselbe stellte und erneut anhub, ohne Punkt und Komma auf mich ein zu brüllen. Auf soetwas stehe ich nun so garnicht, Nächstenliebe hin, Frieden her. Mein Tritt auf seine Zehen tat offensichtlich weh, hatte aber den gewünschten Erfolg. Wir standen uns im Treppenhaus gegenüber. Starrten uns an. Lange. Er schwankte, bekam offensichtlich wenig Luft. Wog seine Chancen ab, ich konnte es deutlich sehen. Drehte sich dann um, kletterte mühsam und ohne sich umzudrehen die Treppe nach Oben, wo ihn offensichtlich die durchgeknallte Staubsaugerpilotin erwartete. Ein Rummsen, die Wohnungstür war zu.

Ok, nun wissen wir also Bescheid. Freunde werden wir nicht mehr. Und ich brauche einen lauteren Staubsauger. Und ab Jahresende schaue ich mal, was es noch so an Wohnungen gibt in Stade …