Vom Tafeln und Essen …

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Ein ganz normaler Tag, irgendwo in Norddeutschland. Ein Lebensmittelgeschäft, ein paar Leute vom Personal, ein ganzer Haufen Menschen die Einkaufen. Das Angebot: vielseitig, vielleicht ein wenig unsortiert und „hochverdichtet“ ob beschränkter Ladenfläche. Es mangelt an Verkaufsfläche, aber schließlich geht’s auch so; es ist ein bisschen wie im so oft zurückgewünschten „Tante-Emma-Laden“ an der Ecke meiner Kindheit. Die Ware: Mehr als ok, die Menschen scheinen zufrieden. Das dürfen sie auch sein, von Mangel keine Spur.

Da liegen kleine, grüne Limetten, aus Brasilien sind sie mehr als 10.000 km gereist, bis auf diesen Tisch und laden zu einem kühlen Caipirinha am Abend ein. Ok, nicht echt die Jahreszeit dafür, aber Einer geht immer! Daneben Zitronen, sie hatten es nicht ganz so weit, ihr Ursprung wird irgendwo im Mittelmeerraum liegen. Man kann viel mit ihnen machen, ein Dressing zum Salat – auf den Bildern nicht zu sehen, aber er liegt nicht weit weg – wäre ein guter Anfang. Daneben liegen Orangen, dazu muss man nicht viel sagen, „einfach so“ oder als Saft sind sie wunderbar. Daneben ein Stapel  frischer Sharonfrüchte, hierzulande auch Kakis genannt, die „Götterfrucht“ alter Überlieferungen und vor wenigen Jahren noch kaum bezahlbar. Eine der ältesten Kulturpflanzen überhaupt, die schon vor mehr als 2.000 Jahren in China kultiviert und wegen ihres hohen Vitamingehalts und des guten Geschmacks  genossen wurde. Im Hintergrund die grünen Strünke von frischen Ananas, ursprünglich aus Amerika stammend und heute überall auf der Welt in tropischen Gebieten wegen ihres Wohlgeschmacks angebaut.

Daneben der Aufschnitt, ebenfalls internationaler Herkunft. Serrano-Schinken, hauchzart geschnitten, mild-aromatisch, ein luftgetrockneter, spanischer Schinken. Großes Kino für die Geschmacksnerven. Pommersche Gutsleberwurst, verschiedene Wurst- und Aufschnittsorten, Knoblauchbraten und diverse Salamiarten. Ein Stück weiter der Käse: vom ganz normalen Gouda aus dem platten Nachbarland Holland über diverse Weich- und Hartkäse ganz unterschiedlicher Geschmacksrichtung und Herkunft bis hin zu den wundervollen Schimmelkäsen aus französischer, spanischer und italienischer Herstellung: alles da. Herbeigekarrt aus allen vier Himmelsrichtungen, mit LKW, Schiff und Flugzeug. Mit einem unerhörten logistisch- und energetischen  Aufwand. Es mangelt an Nichts. Klar, die Mengen sind begrenzt, aber so ist das eben in so speziellen Geschäften. Macht auch nichts, mehr als Essen geht eh nicht und zu dick sind die meisten Menschen unseres Landes ja sowieso. Zwar aus unterschiedlichen Gründen, aber immerhin. Möchte man mehr, kann man ja Morgen wiederkommen, der Nachschub reißt nicht ab. Niemals. Es herrscht satter Überfluss, in Menge, Qualität und in Auswahl.

Nein, wir sind nicht im Feinkostladen. Nicht einmal in einem „normalen“ Supermarkt oder einem trendigen „Tante-Emma-Revival-Shop“. Was hier auf den Tischen liegt, was auf den Bildern zu sehen ist,  ist Müll. Abfall. Weggeworfen oder zumindest dafür vorgesehen. Nicht mehr verkaufsfähig. Weil mit fast abgelaufenem MHD versehen, aber noch lange genießbar. Weil von Handelsunternehmen falsch eingekauft und nicht dem Kundenwunsch entsprechend. Weil angedrückt, mit einem braunen Fleck versehen, zu groß, zu klein, zu süß, zu sauer, vom Tisch gerollt, am Lager vergessen, oder  … und … oder … und. Über. Reif für die Tonne.  Weg damit. Plums.

Haben wir Glück, landen solche Lebensmittel bei der Tafel. Das hängt vom „Wollen“ des Händlers ab. Und dem seiner Mitarbeiter. Die Sachen werden von ehrenamtlichen Mitarbeitern abgeholt, sortiert, gelagert, gekühlt, neu verpackt und dann in den Ausgaben an nachweislich Bedürftige gegen eine kleine Beteiligung vergeben. Weil das Wegwerfen von essbaren Lebensmitteln per sé ein Verbrechen an der Schöpfung ist. Weil der von Generationen von Müttern kolportierte Spruch „Iss deinen Teller leer, in Afrika wären die Menschen froh, wenn sie so etwas zum Essen hätten!“  eben doch und zugleich nur noch bedingt stimmt. Denn es gibt auch hier, bei uns, in einem der reichsten Länder der Welt, Menschen, die darüber froh sind, solche Lebensmittel zu bekommen. Weil der Verpflegungssatz nach Hartz IV Vorne und Hinten nicht ausreicht. Weil sie Hunger haben. Das ist eine Schande, aber ein anderes Thema.

89 Millionen Tonnen an Lebensmitteln werden in der EU jährlich vernichtet, das sind 179 Kilogramm pro Person, durchgehend vom Säugling bis zum Greis. Auf Deutschland entfallen davon alleine 18 Millionen Tonnen.

Mit Respekt vor der Umwelt und vor der Natur hat all das nichts zu tun. Mit „Erntedank“, mit Demut für erhaltene Gaben, mit Glück über das satte und gute Leben auch nicht, ach, wo kommen sie denn her?

18. Millionen. Tonnen.

Wir müssen verrückt sein!