Europa – mon amour …

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Ich bin unglaublich dankbar, als Deutscher in Deutschland geboren zu sein. Es macht mich zu einem freien und relativ wohlhabenden Menschen mit Zugang zu Bildung und fast unbegrenzten Möglichkeiten in meiner persönlichen Entwicklung. Ich verfüge über eine Kranken- und Altersversorgung und ich lebe in einer Demokratie, dem besten aller denkbaren politischen Systeme.

Bitte genau lesen. Ich bin dankbar, nicht stolz. Denn es ist ein Geschenk. Kein Verdienst. Und zugleich eine Verpflichtung. Das haben Menschen vor mir unter großen Mühen und teilweise unter Einsatz ihres Lebens erarbeitet und es dann großzügig mir und uns überlassen. Ich muss mich diesem Geschenk also als würdig erweisen, es verbessern, ausbauen, schützen und pflegen. Dann darf ich auch stolz darauf sein. Auf meinen Anteil. Und ich stehe zu dieser Verpflichtung, auch, wenn es manchmal mühevoll und deprimierend ist.

Demokratie bedeutet immer das Ringen um Überzeugungen und Mehrheiten. Das Reden und das Zuhören beim Andersdenkenden, den Willen zum Lernen und Abwägen, den Wunsch nach Konsens. Demokratie ist ein manchmal verzweifelt langsamer Prozess der uns gemeinsam weiter führt und auf der anderen Seite vor vorschnellen und zu emotional gesteuerten Entscheidungen – und ihren Folgen –  rettet.

Ein solches Staatssystem kann nicht isoliert leben. Nicht vor 70 Jahren, gleich nach dem Krieg, und nicht heute, im Zeitalter unbegrenzt grenzübergreifender Verbindungen. Der Ausbau der Verbindungen zu unseren Nachbarn war also in der damaligen Zeit nicht nur ein wünschenswerter, sondern essentiell notwendiger Gedanke um den errungenen Frieden und die Freiheit nicht an den nationalen Grenzen enden zu lassen. Zu große wirtschafts- und gesellschaftliche Unterschiede zwischen einzelnen Nachbarstaaten haben, gepaart mit Arroganz und Unterlegenheitsgefühlen, im Laufe der Geschichte immer wieder und überall auf der Welt erst zu dumpfen Nationalismus und dann zu Krieg geführt. Dies gegen die vorherrschenden Ressentiments nach 1945 in Europa für die Zukunft zu ändern und zu verhindern, war die schier unglaubliche Leistung einiger Weniger mit großem, politischem Weitblick.

Und da sind wir, bei Europa. Alle reden davon. Im Moment jedenfalls. Überall, ob Fernsehen, Zeitungen oder Netz. Die Einen glauben, das sei noch zu wenig. Die Anderen eher, es sei zu viel und könne dann bitte auch einmal ein Ende haben. Die Einen halten Europa für den Hort der Freiheit, gar für die einzig gangbare Möglichkeit um die großen Probleme unserer Zeit in Zukunft auch nur ansatzweise lösen zu können (Und, oh ja, davon haben wir genug!). Die Anderen erregen sich an der Bürokratie, der Kleinheit von Entscheidungen, an dem gewaltigen Apparat und der vieler Orts herrschenden politischen Selbstbedienungsmentalität. Die Einen sehen in seiner Grenzenlosigkeit die Zukunft, die Anderen haben grenzenlose Angst um ihre „Identität“ und Pfründe.

Ach ja, ich bin erklärter Europäer. Ich halte, trotz aller Probleme und Missstände, ein vereinigtes Europa für die größte Errungenschaft in der Geschichte auf unserem Kontinent und finde, dass alle Beteiligten, Menschen wie Staaten, voller Stolz und Dankbarkeit auf das blicken können, was sie da erschaffen haben. Europa ist meine Heimat, weit vor Deutschland. Eine Heimat, die sehr viel größer ist als ein einziges Herkunftsland. Eine, auf die ich mehr als ein wenig stolz sein kann. Um dann sofort die Ärmel aufzukrempeln und mich an das Aufräumen der ungezählten Baustellen zu machen, die es da so reichlich gibt. Was mühsam und langwierig sein wird, siehe weiter Oben, den Exkurs zur Demokratie.

An Europa, egal, von welcher Seite man es betrachtet, führt heute, dringlicher denn je, kein Weg vorbei. Die Verbindungen, die es geschaffen hat und weiter schafft, menschliche und wirtschaftliche, sorgen für ein freiheitliches Denken, für wirtschaftliche Verbindungen und Abhängigkeiten sowie für das so notwendiges Verstehen untereinander. Wer grenzenlos agiert, handelt, reist und lernt sieht in seinem Gegenüber in einem Nachbarland nicht den Gegner oder Feind, sondern einen Partner, wenn nicht einen Freund. Wer wirtschaftlich mit dem Nachbarland eng verwoben ist, kommt nicht auf dumme Ideen wie Sanktionen oder gar Krieg. Vor knapp hundert Jahren gab es bei uns einen weit verbreiteten Reim: „Jeder Schuss, ein Russ, jeder Stoß, ein Franzos, jeder Tritt, ein Britt“ und man sprach ungeniert von der „deutsch-fanzösischen Erbfeindschaft“, wie von etwas Gottgegebenem. Das war, zu seiner Zeit, die Essenz einer langen, blutigen und finsteren Geschichte zwischen den Völkern. Das es heute anders ist, verdanken wir den Frauen und Männern, die 1951 mit der „Montanunion“ und 1955 mit der  „Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft“ gegen erhebliche, nationale Wiederstände die Keimzelle eines vereinigten Europas schufen. Die aus der Geschichte und einem gerade erst zu Ende gegangenen Weltkrieg heraus den Gedanken formten, das eine wirtschaftliche und menschliche Verknüpfung über die Grenzen hinaus einerseits Aufschwung und Wohlstand, andererseits Verstehen und Freundschaften generieren würden. Und so kam es auch.

Klar haben wir Probleme. Reichlich. Und auch relativ Große. Die EU als Apparat ist ausufernd und unübersichtlich, Zu vieles gibt es doppelt, zu vieles wird „intern geregelt“, ist undurchsichtig, wird gemauschelt. Die Praxis nationaler Parteien, obsolet gewordene Politiker nach dem Motto „dafür wird’s schon noch reichen“ nach Brüssel „zu entsorgen“, ist hanebüchen. Die Undurchschaubarkeit von Entscheidungen, eine mangelnde, externe und demokratische Kontrolle der Abläufe, die offensichtliche Bereicherung von Abgeordneten und ihrer Entourage … ach ja, vieles lässt sich gegen „Brüssel“ ins Feld führen und das wird ja auch gemacht. Dabei wird, besonders von Politikern,  gerne übersehen, dass es in manchem Mitgliedsstaat der EU intern auch nicht viel besser ausschaut; man denke, als Beispiel, nur einmal an den ausufernden Lobbyismus in unserer Hauptstadt.

Das Denken im nationalen Kontext reicht eben nicht weit genug. Europa krankt, neben anderen Dingen, auch daran, dass die nationalen Parlamente nicht gewillt sind, mehr Spielraum und Macht nach Brüssel abzugeben, was eigentlich die Grundlage eines einheitlichen Handelns darstellt. Natürlich kann ich mich über die (angebliche) „Bananebiegeordnung“ der EU ereifern (den Hoax gibt’s auch nochmal mit Gemüsegurken, man hat da freie Auswahl), das ist sehr viel einfacher als konstruktiv mitzuarbeiten.  Oder ich kann, wie vielerorts in Mode gekommen,  den Untergang des Abendlandes bejammern, der uns laut manchen Spinnern zweifelsohne durch die „Vermischung der Völker“ ins zukünftig sicherlich muslimische Haus stehen soll. Viele dumpf-nationale Bewegungen kochen ihr Süppchen gegen Europa mit den irrationalen Ängsten um „die nationale Identität“, was auch immer das sein mag. Ihr zur Schau gestelltes Feindbild wird plakativ vorangetragen um das teilweise arg autoritär – und um nicht gleich „faschistoid“ zu sagen – angehauchte, eigentliche Ziel ihres Tuns zu verdecken. Das Ziel dieser Leute ist immer rückwärts gerichtet, auf Erhalt bestehender, meist ungerechter Strukturen, auf Macht und Einfluss. Ein liberales, freiheitliches Europa ist ihr Feindbild und, ja, sie sind die Feinde Europas, die es in dieser Wahl zu schlagen, denen es wenigstens Wiederstand zu leisten gilt.

Und dann wären da noch die, die bejammern, welch ungeheure Summen wir vorgeblich an Beitragsgeldern in die Kassen der EU buttern und sie damit der Wohlfahrt am eigenen, ach so darbenden Volke entziehen. Spricht man mit ihnen bemerkt man schnell, dass sie oft genug keine Vorstellung vom System der europäischen Finanzierung auf Gegenseitigkeit haben, nicht wissen, wovon und worüber sie da eigentlich lamentieren, keine reale Größenordnungen nennen können. Dabei wird vergessen, was uns dieses Gebilde auf der anderen Seite bringt. Welchen unglaublichen Gewinn an Liberalität, Freiheit und wirtschaftlichen Möglichkeiten, an Kunst, Kultur und Entwicklung im Gemeinwesen. Viele Einrichtungen, auch in unserem Land, sind ganz oder teilweise europäisch finanziert. Und, nicht zuletzt, sichert es den Frieden. Wir leben auf einem Kontinent, auf dem es seit 70 Jahren keinen größeren Krieg mehr gegeben hat. Das ist einmalig in der Geschichte und durch nichts aufzuwiegen! Persönlich betrachte die finanziellen Beiträge zur Europäischen Union als gut, sehr gut angelegtes Geld. Denn es sichert mir und uns ein Leben in Frieden und Freiheit, um das uns weite Teile der Welt glühend beneiden. Und Denen, die das nicht verstehen oder einsehen wollen, empfehle ich einmal, sich auf den Weg in eben diese weite Welt zu machen und zu schauen.

Kommen wir zum Schluss. Dagegen sein war schon immer einfach. Es genügt, alles zu negieren und dabei zu verbergen, dass man substantiell von der Sache meistens wenig bis keine Ahnung hat. FÜR etwas zu sein ist da schon deutlich schwieriger. Es bedarf eines nicht unerheblichen Einsatzes an Kopf und Hand, an der rhetorischen Auseinandersetzung und der Überzeugung mit in der Sache Andersdenkenden. Eine vertretbare Vision, wie das erhoffte Ziel letztlich – und als sicherlich nie erreichbares Ideal – aussehen soll, schadet auch nicht. Aber das ist natürlich nur etwas für Leute mit Engagement und nicht für dummdumpf schwätzende Couchpotatos, die es sich in ihrer Opferrolle gar so gemütlich eingerichtet haben.

Europa ist kein Ort. Europa ist eine Idee!

Sorgt dafür, dass das so bleibt!