Toleranz …

Schlagwörter

, , , ,

Vor ein paar Wochen im Krankenhaus. Ich habe gerade einen Besuch auf der onkologischen Station hinter mich gebracht. Und ich war „bedient“ von dem, was ich vorgefunden hatte. Ich musste nachdenken, das Erfahrene verinnerlichen und ich brauchte dringend neue Kraft. Die war mir gerade an dem Krankenbett, mit dem darin liegenden, leidenden Häufchen Mensch, abhanden gekommen.

Unten, direkt neben dem Fahrstuhlausgang, liegt ein Andachtsraum. Das wusste ich. Und dorthin wandte ich mich, als die Tür des Liftes sich im Erdgeschossmit mit einem leisen „Ping“ aufschob.

Der Raum ist bewusst neutral gehalten. Ohne jegliche Symbolik. Nicht sehr groß, in angedeutete Nischen eingeteilt. An einer Wand ziehen sich Sitzpolster entlang, die Farben sind hell und freundlich, das Licht gedämpft. Von außen dringt kaum ein Ton herein. Gute Voraussetzungen für stille Kontemplation.

Ich stand da und dachte an das, was ich gerade eben gesehen und gehört hatte. Es war nichts Gutes, wirklich nicht, mit wenig bis garkeiner Hoffnung auf eine Besserung. Es würde böse enden, das stand außer Frage. Ein Gebet für meine Begleitete und auch für mich, als Miterlebenden, war mehr als angemessen.

Als ich dazu ansetzte, öffnete sich die Tür und ein  Mann betrat den Raum. So unterbrach ich kurz mein Tun und schaute hinüber. Er war unauffällig gekleidet, zeigte ein gepflegtes Aussehen mit dünner Goldbrille, darunter ein kurz gestutzter Vollbart. Soetwas löst bei mir immer sofort ein zugewandtes Gefühl der Verbundenheit aus. Bartträger unter sich, halt. Dass er keine Jacke bei sich hatte sprach dafür, dass er irgendwo im Haus arbeiten musste. Ein beidseitiges kurz angedeutetes, freundliches Nicken, dann ein ebenso kurzes, kaum merkliches Zögern seinerseits. Nochmal ein Blick zu mir, dann zwei Schritte zur anderen Seite des Raumes, ein nochmaliges Lächeln. Unter dem Arm trug er, ich bemerke es erst jetzt, einen zusammengerollten Gebetsteppich, den er nun schnell und mit routinierten Bewegungen auf dem Boden ausrollt. Ein kurzer, kontrollierender Blick auf sein Handy verriet ihm offensichtlich, auch hier im Inneren des Gebäudes, die Richtung nach Mekka. Er korrigiert leicht die Lage des Teppichs, streift die Schuhe ab, stellt sie ordentlich nebeneinander hinter sich und kniet nieder. Ich wand mich wieder meiner Ecke zu.  Und so hielten wir Beide, ohne einen Laut, still Zwiesprache mit unserem Gott und baten ihn, ein Jeder in seinen Worten, um den so notwendigen Beistand.

Wir wurden fast gleichzeitig fertig. Ich zog meine Jacke über, ich hatte sie auf einer der Bänke abgelegt. Er rollt seinen Teppich zusammen, schlüpft in seine Schuhe. Am Ausgang trafen wir zusammen, der übliche, leichte Höflichkeitstanz hub an, dann gewann er und hielt mir die Tür auf. Wir lächelten uns nochmal an, dann liefen wir in verschiedenen Richtungen auseinander. Er verschwand irgendwo in Richtung der Innereien des großen Hauses, ich strebte dem Ausgang zu.

„Alle Religionen seindt gleich und guht, wan nuhr die Leute, so sie profesieren [(öffentlich) bekennen], erliche Leute seindt, und wen Türken und Heiden kähmen und wolten das Land pöbplieren [bevölkern], so wollen wier sie Mosqueen und Kirchen bauen“ Friedrich II. Einer meiner Lieblingssprüche.

Wie verdammt einfach Toleranz doch ist. Und, sie tut nicht einmal weh. Ganz im Gegenteil. Vielleicht sollte man das manchem Mitbürger bei Gelegenheit einfach mal vermitteln …