Viva la Schnitzel …

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08:05 h. Es ist soweit. Mit einem Wutschrei ballere ich ein Stück aus gemahlenem Fleischabfall, mit Fibrin zusammengeklebtes, tierisches Zellgewebe, gemeiner und frecher Weise als „Wurst“ bezeichnet, zurück auf den Teller! Es reicht! SO nicht!

Aus restlichem Fleischteig undefinierbarer Gemengelage zusammengepresst, mit Geschmacksverstärkern, Chemie und Gewürzen zu Etwas in durchscheinend blasser Farbe performt, was entfernt an den Geruch echter Wurst erinnern soll, leicht glitschig und mit einem fiesen Äh-Bäh-Geruch in die Plastikpackung gepresst und schnell verschweißt. Von vornherein für das Billigregal bei Penny produziert, wo es als Armeleuteessen, als Hunde- und Seniorennahrung, verscherbelt wird. Soilent Green.

Ich habe alles hingenommen. Krankenhausessen ist niemals gut, das hat eine böse und lange Tradition. Nicht ganz einsehbar zwar, aber es ist, wie es ist. Ich bin da auch nicht krüsch, ich esse (und trinke) auch sonst durchaus Dinge, die Anderen (einschließlich meiner Familie) nicht unbedingt zusagen. Trotzdem hats hier ´ne Grenze. Aus die Maus. Es geht – im wahrsten Sinne des Wortes – um die Wurst!

Jeder Ökotrophologe (so was sollte ein Haus in dieser Grösse eigentlich haben) würde bei Ansicht dieses „Lebensmittels“ bleich dahinwelken und wahrscheinlich leise klagend unter dem Tisch verschwinden, sofern er nicht aus Frust über sein Alibidasein längst dem Suff verfallen wäre. Mit „gesund & ausgeglichen“ hat das jedenfalls nichts zu tun und kenne durchaus Menschen aus meinem Umfeld, die hier einfach verhungern würden, weil sie „sowas“ schlicht nicht äßen. Keineswegs und nicht mal ansatzweise.

Die nächste Attacke folgt auf dem Fuße. „Möchten sie denn einen Salat?“ Klar, gerne, man immer her damit. Salat ist niemals schlecht, allemal besser als die „Wurst“, weil, schlimmer geht nimmer. Der erste Blick stellte diese Einschätzung sofort in Frage. Oha. Die allerletzten Strünke, durch den Rasenmäher geschreddert, dazu eine Fertigsauce aus dem Alubeutelchen, jener bekannt-berüchtigten Marke, mit der man auch ohne großen Aufwand Möbel abbeizen und Autos entfärben kann. Jedes Karnickel hätte sich nach einem Testbiss und Schäden an seinen Beissern voller Grausen abgewandt, ich tat es mal ebenso, zumal mein Kauwerkzeug altersbedingt weit weniger aushält.

Dazu dann Brot. Zwei Scheiben, eine schwarz, die andere Grau. Beide in negativ nach oben gebogener Form, einer Schale gleich, sicherlich als Symbol für den Dank für das Essen gedacht, Empfangen und so, na ja, so’n büschen spirituell … Denkste, die Scheiben sind profan eingetrocknet. Das Schwarzbrot zeigt sich von Natur aus resistenter, das Graubrot hat gleich, neben der aufnahmefreundlichen Form, auch die Konsistenz handgesägten Sperrholzes. Würde ich die Scheiben sammeln, könnte ich in einigen Tagen mein Haus damit auf der Wetterseite schindeln. Zu mehr allerdings taugt dieses Lebensmittel leider nicht. Ach doch. Man könnte besagtes Wurstimitat darauf kleben und es gemeinsam fortwerfen.

Lebensmittel fortwerfen. Alles in mir sträubt sich dagegen. Ich arbeite an einer Stelle, wo Lebensmittel an arme Menschen verteilt werden. (Arme. Nicht „sozial Schwache“. Weil, das sind sie meistens nicht.) Wir verwenden alles, sortieren, putzen, versuchen zu retten. Aber zugegeben, finde ich solche Wurst im Angebot und haben wir die Tage ansonsten genug, dann gebe ich sie nicht mit aus. Es ist einfach zu widerlich.

Aber ich habe auch ein Faible für gute Lebensmittel. Ich koche gerne und gut seit meiner ersten eigenen Küche in meiner ersten eigenen Wohnung. Habe Freude an frischen Zutaten, verzichte, wo immer vernünftig möglich, auf Vorgefertigtes oder Tütenfraß. Mit meiner allerallerbesten geliebten Freundin stehe ich seit Jahr und Tag gemeinsam in Zelt- und Gästehausküchen, irgendwo in Europa, und wir bilden uns ein, wirklich gutes (und frisches) Essen auf den Tisch zu bringen. Kaum einer der meckert. Eher kommen die, die den dritten oder vierten Nachschlag haben wollen oder noch mümmelnd nachfragen „garkeinmilchreisheutabendschadeaberauch …“. Das ganze, einschließlich Frühstück mit Brot, Tee, Kakao, Marmelunte satt und Müsli, einem Mittagessen satt mit Hauptgericht und Nachspeise sowie Abendbrot, ähnlich dem Frühstück, produzieren wir für runde 8,- €, im Süden auch weniger. Ich weiß also, wovon ich rede. Und ich weiß, wie Zutaten schmecken können.

Warum – zur Hölle – geht das hier nicht? Wie kann man den Etat in solchem Dreck vermusen und dann auch noch erwarten, dass die Leute es voller Glück fressen? Ich habe einen Freund, Koch seines Zeichens, gelernt in einem Sternehaus – er würde laut Weinen oder so wütend werden wie ich. Und als junger Mann bin ich zur See gefahren, die richtig langen Törns, und nichts war so wichtig wie gutes und wohlschmeckendes Essen bei all der Eintönigkeit um uns rum und, whow, was hatten wir für Köche, was haben die gezaubert. In einem Krankenhaus wo sich alles um Krankheit, Siechen und letztlich (machen wir uns nichts vor) Tod dreht ist ordentliches, nein, gutes Essen ein Muß! Eine Voraussetzung für Durchhaltewillen und Wohlbefinden! Nix Fertigfrass, es gehört gute Laune auf den Teller! Und wenn ihr es nicht glaubt, dann lasst mich mal in eure Küche, dann zeig ich euch mal, wo das Schnitzel hängt! Jawollja!

Nachdem mein Anfall die Schwester getroffen hatte, die natürlich nichts dafür konnte, habe ich mich entschuldigt. Sie gab dann zu, das ihr das Essen so ganz auch nicht schmecke, na ja, sie arbeitet hier. Dann habe ich diesen Text auf ein – man höre und lache – „Verbesserungsformular“ geschrieben und auf direktem Weg zur Hölle, äh, Küche geschickt.

Nun sitze ich hier, ein gefährlich sanftes (und falsches) Lächeln auf den Lippen und, bildlich gesprochen, die Streitaxt neben mir liegend und harre der Dinge, die da kommen. Was wollen wir wetten? Klar, garnichts wird kommen.Und wenn doch, nur zu. Kommt näher, ihr Barbaren, und lasst es euch besorgen.

Viva la Schnitzel …